Aus dem Buch: Mr.Gwynn von Alessandro Barrico
Eine Möglichkeit sein Denken zu kontrollieren
In den darauffolgenden Tagen bemühte er sich Ruhe zu bewahren, und seine Versuche, ein heilendes Mittel für die immer häufiger auftretenden Anfälle zu finden, führten dazu, dass er sich einer Übung anvertraute, die er in einem Film gesehen hatte. Sie bestand darin, sehr langsam zu leben, indem man sich auf jede einzelne Handlung konzentrierte. Als Regel mag das ziemlich allgemein klingen, doch Jasper Gwyn befolgte sie auf eine Weise, die sie überraschend konkret machte. So zog er sich die Schuhe an, indem er sie zuvor eingehend betrachtete, ihre schöne Leichtigkeit erwog und die nachgiebige Weichheit des Leders würdigte. Beim Binden der Schnürsenkel war er darauf bedacht, sich nicht zu automatischen Gesten verleiten zu lassen, und beobachtete aufmerksam die eleganten Bewegungen seiner Finger, voller Bewunderung für die Sicherheit, mit der sie harmonischen Gesetzmü-Bigkeiten folgten. Dann erhob er sich und vergaß bei den ersten Schritten nicht wahrzunehmen, wie fest der Schuh sich um den Fußrücken schloss. Gleichzeitig konzentrierte er sich auf Geräusche, die man gewöhnlich als selbstverständlich hinnimmt, und hörte so wieder das Schnappen eines Schlosses, die Heiserkeit von Klebeband oder das leiseste Knirschen von Scharnieren. Lange Zeit gefiel es ihm, Farben wahrzunehmen, auch dann, wenn das nicht den geringsten Nutzen hatte, und besonders achtete er darauf, die zufälligen Farbpaletten zu bewundern, die sich durch die Verteilung von Gegenständen im Raum ergaben — egal ob im Inneren einer Schublade oder auf einem Parkplatz. Oft zählte er die Dinge auf seinem Weg – Stufen, Laternen, Schreie – und kontrollierte Oberflächen mit den Fingern, wobei er das zwischen rau und glatt enthaltene unendliche Spektrum entdeckte. Er blieb ste-hen, um Schatten auf dem Boden zu betrachten. Spürte jede Münze zwischen den Fingern.
All das verlieh seinen alltäglichen Bewegungen einen imposanten Gang, wie bei einem Schauspieler oder einem afrikanischen Tier. In seiner eleganten Langsamkeit meinten die Menschen das natürliche Zeitmaß der Dinge zu erkennen, und in der
Präzision seiner Gesten trat eine souveräne Beherrschung der Gegenstände in Erscheinung, die die meisten vergessen hatten.
